Inkontinente Koffer
Heute liegen ein paar Hundert Kilometer vor uns: Ziel Ferghanatal. Dementsprechend „früh“ geht es los. Die Nacht war für manche kürzer als gedacht, da ich endlos lange, wohl etwa 1,5 Stunden lang, Sachen hin und her geräumt habe… Schließlich galt es den Koffer wieder zu packen. Leider ist jetzt schon passiert, was man eher vom Ende der Reise kennt. Der Koffer ist – ohne, dass man was gekauft hätte, plötzlich voller als noch vor 24 Stunden. Ich möchte an dieser Stelle kurz Deichkind zitieren: „Schlaue Menschen kennen keine Grenzen“. Der Koffer ist zu voll? Wenn ich mich beim zumachen drauf setze, wird das schon, denke ich bei mir. Vielleicht war mein Optimismus zu sehr aus der Luft gegriffen… Ich hatte schön alles zu und dann kracht es und der gesamte Reisverschluss platzt auf. Sowas wünscht man sich auf einer Flugreise. Kurz gesagt: dumm gelaufen. Mit etwas weniger Gepäck hat der Reißverschluss gehalten. Den Rest hab ich in meinen Rucksack gestopft und als Tagesrucksack hat dann ein Stoffbeutel hergehalten.
Die meisten Fotos von heute stammen von Sabrina. Ich gebe es ja nur ungern zur, aber Ihr Smartphone macht wirklich tolle Fotos. Das obwohl es kein Apple-Gerät ist… Räusper-räusper.
Augenpflege
Es dauert endlos lange bis wir es aus Taschkent rausgeschafft haben. Bei so einer etwa fünfstündigen Autofahrt haben wir viel Zeit, um aus dem Fenster zu gucken. Wie hat Sabrina so schön gesagt: „Einer von uns hat immer geschlafen.“ Das Autofahren hat uns beide müde gemacht. Bei einem Teil der Fahrt war ich nicht müde. Im Gegenteil – da war ich ganz aufgeregt. Als wir auf einen Pass rauf gefahren sind. Das laute Motorgeräusch hat mich aus dem Dämmerschlaf gerissen. Eine ganze Weile fahren wir mit 4.000 Umdrehungen auf 2.000 Meter den Berg rauf….
Fotos gibt es trotzdem, weil entweder eine von uns wach war, oder wir netterweise an einem Fotospot angehalten haben. An einem dieser Fotostops habe ich sage und schreibe 200 SOM gefunden. Das entspricht in etwa 2 Cent.


Wie gemalt
Unmittelbar außerhalb der Stadtgrenzen von Taschkent fängt dann auch schon die Landwirtschaft an. Hier wird z. B. Obst, Gemüse und Baumwolle angebaut. Am Straßenrand der Autobahn, bzw. der Schnellstraße gibt es kleine Shops und Verkaufsstände, wo man Getränke und Snacks kaufen kann. Oder man kauft gleich eine Wassermelone von der Größe eines Fasses. Nach der eher landwirtschaftlich geprägten Aussicht können wir uns nun selbst ein Bild von der Steppe machen. Begleitet von einem leichten Dunstschleier wirkt die Aussicht surreal. Ganz zu schweigen von Bergen im Hintergrund, die aussehen als wären sie eine Tapete. Ein paar Nickerchen später taucht plötzlich ein Stausee aus dem Nichts auf. Farblich ein toller Anblick: Türkises Wasser, braune Steppe und blauer Himmel, ab und zu gesprenkelt von ein paar gründen Bäumen.



Lembasbrot am Checkpoint
Patir gab es mitten im nichts, an einer kleiner Kontrollstation. Es tritt plötzlich ein junger Mann hinter einem Schild hervor und reicht nach einem extrem kurzen Wortwechsel mit dem Fahrer zwei flache warme Taler (Patir) ins Auto. Zum Glück ist mir grade eingefallen, wie ich es schaffe wieder den Bogen zu Herr-der-Ringe zu schlagen. Zuerst musste ich an Lembas-Brot denken. Zumindest stelle ich mir vor, dass Lembas-Brot so schmecken könnte, auch wenn ich es noch nie probiert habe… 😉 Überhaupt wäre ich nach dem Verzehr von so viel Lembasbrot für die nächsten 20 Jahre satt, wie die Experten unter Euch sicher wissen. Worauf ich eigentlich hinaus wollte: die Usbeken (sorry, wenn ich mich wiederhole) sind außergewöhnlich höflich und gastfreundlich. Weiter führt uns die Route vorbei am kleinsten Gebirge der Welt bis wir im Feraghanatal mit Ziel Rishtan einfahren.

Essen ist fertig
Ich spreche für uns beide, wenn ich sage, dass wir mit der Menge an Essen, die uns hier vorgesetzt wird, überfordert sind. Gebucht haben wir Halbpension, bekommen tun wir jedoch All-Inclusive. Wir fragen uns, wie wir eine Million SOM an Bargeld in diesem Urlaub ausgeben sollen… Es gelingt uns nicht unsere SOMS loszuwerden. Mal sehen, wie es an der Geld-Ausgebe-Front weiter geht. Um den Bogen zurück zum Essen zu schlagen. Wir fahren also in Rishtan ein und halten vor einem (ich bin mal ganz direkt) extrem hässlichen Gebäude. Hier ist unser Mittagessen geplant. Ihr erinnert Euch? Vor etwa 10 Minuten gab es einen Taler Lembas-Brot aka Pitar. Mit anderen Worten, wir waren beide satt. Unhöflich wollten wir natürlich auch nicht sein und einheimische Küche wollen wir ja sowieso probieren. Jedenfalls zurück zum vermeintlich hässlichen Mittagsrestaurant. Abgesehen von der Tatsache, dass dort ausschließlich nur Männer saßen, waren wir mehr als überrascht, wo genau sie saßen. Dafür muss ich noch kurz erklären, dass es normal ist auf Betten zu sitzen und auf Ihnen zu Essen. Jetzt stellt Euch bitte zusätzlich noch vor, dass diese Betten über einem Fluß installiert waren, sodass man quasi direkt über dem Wasser gegessen hätte. Da wir ohnehin schon die Hauptattraktion waren, wollten wir nicht noch mehr Aufmerksamkeit auf uns lenken. Jedenfalls stellte sich schnell heraus, dass dort das Nationalgericht Plow nur frisch zubereitet wird (Kochzeit etwa eine Stunde) und die kleinste Abgabemenge 1 Kilogramm beträgt. Unser Reiseleiter kennt uns inzwischen so gut, dass wir uns stets eine Portion von egal was teilen. Deswegen haben wir das Restaurant gewechselt, nur um gedanklich wieder in die gleiche Falle zu tappen. Wir ein kurzes Stück einer Seitenstraßen entlang und nähern uns wieder einem von außen komisch wirkenden Eingang. Kaum sind wir drin, erwartet uns ein opulenter Springbrunnen, Bananenpflanzen und ein freundlich gestalteter Innenhof. Wir suchen uns ein hübsches Bett und nehmen dort unser Mittagessen ein. Zu meiner Freunde, wird stets eine Kanne serviert, sodass ich trotz 35 Grad Außentemperatur nicht auf meinen geliebten Schwarztee verzichten muss. Zusätzlich haben wir heute auch Kirschsaft probiert. Zum Glück wurde in diesem Restaurant das Nationalgericht in kleineren Portionen serviert, sodass wir uns dieses Gericht teilen konnten. Nach dem Mittagessen geht es weiter in kleinere Viertel von Rishtan.



Von der Wolle bis zur Jurte
Mitten in einem Wohnviertel wurden die Türen geöffnet, um uns eine alte Handwerkstradition zu zeigen. Wir wissen nun so ungefähr, wie sich mit sehr einfachen Werkzeugen Wolle reinigen lässt, wie man einen Faden spinnt, einen Jurtegürtel (Verzierung von Jurten) im Hintergarten webt und wie man Teppiche mit Muster knüpft (ich übertreibe maßlos). Ich habe viele, viele Fragen gestellt, die teilweise so weit ins Detail gingen, dass sie schwierig zu übersetzen waren. Da ist meine Neugierde mal wieder mit mir davon gelaufen. Wir wissen nun ebenfalls wie man einen Wollteppich mit einem Blumenmuster herstellt (hier übertreibe ich nicht). 😀 Einfach Wollmuster legen, heißes Wasser drüber kippen, einrollen, einschnüren, auswringen, wieder heißes Wasser drüber kippen, auswringen, trocknen lassen – fertig. Easy going. So oder so ähnlich geht das.
Es gab auch einen Lehmofen im Garten. Leider war heute kein Brotbacktag. Vermutlich hätte es auch gereicht das Brot von außen aufzulegen. Zwei Sekunden in der prallen Sonne und der Schweiß läuft in Bächen an einem herab. Zum Abschluss gab es Trauben to go. Mal eben vom Dach abgeknipst. Hab ich schon erwähnt, dass die Usbeken gastfreundlich sind?









Nächster Halt: Töpferei. Die Region im Feraghanatal ist für die besondere Art des Tons bekannt, der einen tollen Klang hat, wenn man ein fertiges Produkt zum klingen bringt. Geduldig wurden unsere Fragen erst übersetzt und dann beantwortet. Man höre und staune: es sind über 40 Schritte notwendig, um aus einem Klumpen Erde mit Wasser ein fertiges Produkt herzustellen. Je nach Größe des zu fertigenden Stückes kann das bis zu einem Monat dauern. Ich wollte Euch noch ein Geheimnis verraten. Die Usbeken sind total gastfreundlich. Bevor wir gehen wollten, wurden wir auf eine Tee und usbekische Süßigkeiten eingeladen, deren Namen ich mir weder behalte, noch aussprechen könnte. Zugegeben waren auch Rosinen und Erdnüsse dabei (das geht linguistisch grade noch so).










Erkenntnisse an Tag 2
- In Taschkent ist es sehr grün.
- Usbeken sind sehr höflich.
- Es gibt Fahrer und Fahrer.
- Lorkom li tisch taha heißt Guten Appetit auf Usbekisch. Zumindest hört es sich so an.
- Hier gibt es kleine Kioske, die nach Marken benannt sind. „Coca-Cola Market“ oder „Colgate Market“ oder „Snickers Market“.
- Maulbeeren werden hier größtenteils für Seidenraupen angebaut.
- Eva wird Teppichknüpferin
- Die Gebäude wirken von außen bäh, sind aber meist von innen boa.
- Wenn grade keiner da ist, bzw. eigentlich fast immer, fährt man mitten auf der Straße.
- Autotüren öffnet und schließt man keinesfalls selbst.
- Wir sind zu schnell bei allem.
- Wir essen zu wenig. Zumindest glauben wir das.
- Es gibt Hecken aus Basilikum.
- Man merke: usbekische Schafe sind schwarz. Kirgisische Schafe weiß.
- Usbekistan ist ein Paradies für fleischfressende Pflanzen.
- Alle wollen wissen, wo wir herkommen.
- 90% der Häuser scheinen nicht fertig gebaut.
Meinst du, dort gibt es viele fleischfressende Pflanzen (echte Pflanzen) oder isst man dort als Mensch sehr viel Fleisch?
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Es geht dabei um Menschen, die viel Fleisch essen. Pflanzen dieser Art haben wir bisher noch nicht gesehen. 🙂
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